Wenn Pflegepersonal angegriffen wird

Montag, 27. August 2018, 07:56 Uhr

Berner Zeitung, 25. August 2018

Der Mann wirkt aggressiv. Mit forschen Schritten geht er auf die zierliche Frau zu. Er ist muskulös, hat eine Glatze und viele Tattoos an den Armen. «Stopp», ruft sie und nimmt die Hände schützend vor den Körper. Ein Lächeln macht sich auf dem Gesicht von Tobias Osten breit. «Okay, aber kannst du das auch lauter?», fragt er freundlich, der Mann mit den Tattoos.

Osten ist Trainer im Aggressionsmanagement. Zusammen mit seinem Kollegen Marc Wyler vermittelt er den 1vierzehn anwesenden Pflegefachfrauen und -männern des Notfallzentrums am Berner Inselspital an diesem Tag, wie man sich gegenüber aggressiven Patienten verhält. Geübt wird etwa das Lesen der Körpersprache, Strategien zur De­eskalation oder auch Befreiungstechniken für den Fall, dass alles Reden nichts gebracht hat.

Mit Selbstverteidigung jedoch habe das wenig zu tun. «Wir wollen dem Patienten nicht wehtun oder ihm schaden», erklärt Osten. Schliesslich müssten die Pflegenden nach dem Vorfall wieder mit ihm weiterarbeiten. Die Patienten würden denn auch vielfach nur aggressiv, weil sie ein unbefriedigtes Bedürfnis hätten, sich aber nicht richtig ausdrücken könnten.

Der Trainer tritt zu einer der Pflegefachfrauen, packt sie am Arm. «Was tut ihr, um wieder loszukommen?», fragt Osten in die Runde.

Verdoppelung der Einsätze

Fluchen, Spucken, Beissen, Treten, Begrapschen: Aggressives Verhalten von Patienten gegenüber dem Personal ist in den Schweizer Spitälern zum Alltag geworden. Besonders stark von der Problematik betroffen sind Psychiatrien und Notfallstationen, wo sich Patienten und Angehörige in einer Ausnahmesituation befinden. Beim Inselspital kommt es zu einer Kumulation dieser beiden Gebiete, da der Notfall auch psychiatrische Patienten aufnimmt.

So kann es aussehen, wenn ein Patient im Insel-Notfall austickt. Foto: Inselspital

Das zeigt sich auch in den Zahlen. Musste der hausinterne Sicherheitsdienst 2016 noch 640-mal in den Notfall ausrücken, waren es 2017 schon 900-mal. Im laufenden Jahr steigerten sich die Einsätze noch einmal explosionsartig. Bis Ende Juli waren es bereits 756. Das entspricht vier Einsätzen pro Tag. Geht es so weiter, rechnet Aris Exadaktylos mit einer Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr.

Der Chefarzt des universitären Notfallzentrums sieht dafür drei Gründe. So würde erstens die Anzahl Patienten von Jahr zu Jahr steigen. Zweitens beobachte er, dass es immer weniger medizinische Anlaufstellen für Menschen gebe, die entweder psychisch krank seien oder zu viel Alkohol oder Drogen konsumiert hätten. «Diese Personen befinden sich in Extremsituationen und handeln nicht so, wie wir es erwarten würden», sagt Exadaktylos.

Und drittens spricht er von einer zunehmenden «Verrohung verschiedener Bereiche der Gesellschaft». Insbesondere die Hemmschwelle für renitentes Verhalten gegenüber Uniformierten wie Polizisten, Feuerwehrleuten, Ärzten oder Pflegefachpersonen sei in den letzten Jahren stark gesunken.

«Die Leute haben das Gefühl, sie könnten bei uns ungehemmt Dampf ablassen.»Aris Exadaktylos, Chefarzt

Das hat sich am vergangenen Wochen­ende auch in Zürich gezeigt. Dort wurden Polizisten und Rettungskräfte von Dutzenden Personen angegriffen, als sie zu einem schwer verletzten Mann gelangen wollten. «Die Leute haben das Gefühl, sie könnten bei uns ungehemmt Dampf ablassen», sagt Exadaktylos.

Meist sind es Schweizer

Das Inselspital ist mit der Gewaltproblematik denn auch nicht allein. In anderen Berner Spitälern verzeichnen die Verantwortlichen ebenfalls ein steigendes Aggressionspotenzial, wie eine Umfrage dieser Zeitung zeigt. Bereits vor zwei Jahren schlug zudem das Unispital Genf Alarm. Es veröffentlichte ein Foto von Waffen, mit welchen das Personal bedroht worden sei. Zu sehen waren Messer in allen Grössen, ein ­Samuraischwert und sogar eine Pistole.

So weit ist es in Bern noch nicht. Exadaktylos ist zwar kein Fall bekannt, bei dem Personal mit Waffen bedroht worden war. Reizgas hingegen komme ab und zu vor. «Besonders häufig sind primitive verbale Angriffe.» Doch auch tätliche Attacken gebe es oft. Die Täter seien meist junge Männer zwischen 17 und 24 Jahren. 57 Prozent sind Schweizer, wie eine Studie des Inselspitals zeigt.

Am stärksten betroffen ist das Pflegepersonal, da dieses am meisten Zeit mit den Patienten verbringt und als Erstes mit ihnen konfrontiert wird. Gerade junge Angestellte würden gewalttätige Vorfälle stark belasten, sagt Petra Fuchs, Leiterin des Pflegedienstes im Notfallzentrum. «Die Pflegenden wollen helfen und werden stattdessen angegriffen. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen.»

Das Pflegepersonal habe eine hohe psychische Schmerzgrenze. «Die Einsätze des Sicherheitsdienstes sind deshalb nur die Spitze des Eisberges.» Fuchs weiss aber auch von Angestellten, wo nach einer Attacke eine posttraumatische Belastungsstörung eingetreten ist oder jemand die Kündigung eingereicht hat.

24-Stunden-Security

Neben psychischen Erkrankungen sowie Alkohol und Drogen könnten auch Wartezeiten zu gewalttätigem Verhalten führen, sagt Fuchs. «Das zeigt sich in der Gesellschaft ganz allgemein. Auch an einer Kasse in einem Einkaufsgeschäft will niemand mehr anstehen.

Die Anspruchshaltung ist enorm gross geworden – auch bei uns im Notfall.» Dabei sollte eigentlich jeder froh sein, der nicht sofort behandelt wird, so Fuchs. «Wir triagieren die Patienten. Menschen in Lebensgefahr haben Vorrang. Wer also warten muss, ist besser dran als andere.»

Das Inselspital verfolge beim Thema Gewalt gegen Angestellte eine Nulltoleranz, sagt Aris Exadaktylos. Auffällige Patienten würden schriftlich verwarnt oder erhielten ein Hausverbot. Be­sonders krasse Fälle werden an die Staatsanwaltschaft weiter­geleitet.

Vor zwei Jahren hat das Unispital zudem interne Massnahmen getroffen. So werden seither jedes Jahr mehrere Kurse in Aggressionsmanagement durchgeführt. Jeder Pfleger und jeder Arzt sowie das administrative Personal des Notfallzentrums muss einen solchen besucht haben. Zudem gibt es überall Sicherheitsknöpfe, über welche die Security oder auch die Polizei alarmiert werden kann.

Geplant ist auch, die Präsenzzeiten des Sicherheitsdienstes auf dem Notfall auf 24 Stunden pro Tag auszuweiten. «Vor zehn Jahren waren vor allem die frühen Morgenstunden am Wochenende schwierig», sagt Exadaktylos. Mittlerweile gebe es aber keine besondere Tageszeit mehr, in der eine Häufung von gewalttätigen Patienten auftrete.

Auch baulich hat das Inselspital reagiert. Zusammen mit der Berner Fachhochschule wird derzeit der Warteraum im Notfallzentrum so umgestaltet, dass die Patienten beruhigt werden. Geplant sind etwa Naturelemente, Landschaftsbilder oder eine angepasste Beleuchtung. «Weniger Stress im Warteraum bedeutet auch weniger Aggressionspotenzial bei der Behandlung», ist Exadaktylos überzeugt.

Sicherheit gewinnen

Derweil hat Kursleiter Tobias Osten den Arm der Pflegefachfrau noch immer fest im Griff. «Als Erstes müsst ihr euch entscheiden, ob ihr gegen einen oder gegen vier Gegner ankommen wollt», sagt er. Gemeint sind die vier Finger und der Daumen. Letzterer sei die Schwachstelle der Hand.

Deshalb führe der Ausweg aus dem Griff des Patienten über dessen Daumen. Osten demonstriert die Befreiungstechnik zusammen mit Kollege Marc Wyler. Mit einigen ruckartigen Bewegungen, dem Drehen des eigenen Arms und der Hilfe der anderen Hand hat er sich innert Sekunden aus dem Griff befreit.

Jetzt sind die Kursteilnehmer an der Reihe. Nicht überall funktioniert die Technik so gut wie bei Osten und Wyler. Und trotzdem ist für viele klar: Die neu gewonnene Gewissheit, bei einem tätlichen Angriff etwas tun zu können, wird bei der täglichen Arbeit helfen.